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18.05.2013 :: Deutsch :: Druckversion
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Enttäuschung in der Demokratie. Bundesrepublik Deutschland in den 1960er bis 1980er Jahren

Bearbeiter: Bernhard Gotto


Ziel des Habilitationsprojektes ist es, mit einem emotionsgeschichtlichen Zugang neue Erkenntnisse in der historischen Demokratieforschung zu erschließen. Dieser Ansatz zieht die Konsequenz aus dem Wandel des Menschenbildes, den Forschungen in Sozialpsychologie und Neurowissenschaften bei ihrer Beschätigung mit Gefühlen angestoßen haben. Gefühl und Rationalität sind keine strikt voneinander getrennte Sphären, sondern beeinflussen sich im Gegenteil stark. Das bedeutet, dass auch politische Entscheidungen und Werthaltungen nicht ausschließlich auf vermeintlich rationale Überzeugungen und Interessen zurückgehen, sondern emotional grundiert sind.


Mit Enttäuschung nimmt das Projekt ein Gefühl in den Blick, das sich als eine Variante der Spannung von »Erwartungshorizont« und »Erfahrungsraum« (Reinhart Koselleck) beschreiben lässt: Enttäuschung ist die psychologische Reaktion darauf, dass sich eine zuvor gehegte Ewartung nicht erfüllt. Für demokratisch organisierte, pluralistische Massengesellschaften ist dieses Spannungsverhältnis besonders virulent, weil in der politischen Kommunikation beständig große Erwartungen geweckt werden, um Zustimmung zu generieren. Hinzu kommt, dass politische Akteure ihre konkreten Ziele wie z. B. Gesetzesvorhaben häufig an große Wertideen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit oder Wohlstand knüpfen, um das jeweiligen Vorhaben zu legitimieren. Diese symbolische Ebene erzeugt einen Erwartungsüberschuss, der regelmäßig zu Enttäuschungen führt, wenn demokratische Aushandlungsprozesse in Kompromisslösungen münden.


Das Projekt geht kollektiven Enttäuschungserfahrungen nach und untersucht systematisch, wie Enttäuschung geäußert wird und welche Folgen dies nach sich zieht. Konkret werden dabei fünf Untersuchungsfelder in den Blick genommen:

  • Diskussionen und Reformen im Bereich der sozialstaatlichen Alterssicherung
  • Friedensbewegung
  • Frauenbewegung
  • Mitbestimmung und Vermögenspolitik
  • Steuerreformen

Das breite gesellschaftliche Spektrum, das dieses Untersuchungsfeld umfasst, schließt traditionelle institutionelle Akteure wie Parteien, Gewerkschaften und Kirchen ebenso ein wie neue soziale Bewegungen und Individuen. Über Enttäuschungsäußerungen diskutierten sie neben den konkreten Anlässen auch größere Fragehorizonte wie z. B. die Gestaltungsfähigkeit von Regierungshandeln, Fortschrittsoptimismus oder Partizipationsmöglichkeiten in der Parteiendemokratie. Damit erschließt die Analyse von Enttäuschungen einen erfahrungsgeschichtlichen Zugang zu langfristigen Wandlungsprozessen, die von der Geschichtswissenschaft vor allem mit Blick auf den Zäsurcharakter der Ölkrise von 1973/74 intensiv diskutiert werden.

 

Quer zu den fünf Themengebieten fragt das Projekt danach, wie Enttäuschung kommuniziert wurde und mit welchen Bewältigungsstrategien Individuen und kollektive Akteure darauf antworteten. Zu erwarten sind grundlegende Einsichten in Strategien, gezielt Gefühle zum Zweck der sozialen Kohäsion zu erzeugen oder zu schwächen (emotional work) wie auch in die Regeln, die in gesellschaftlichen Segmenten für das Zeigen von Gefühlen gelten (emotional regime). Schließlich soll Entttäuschung auch als ein Kommunikationscode analysiert werden, der unabhängig von tatsächlichen Gefühlsregungen der Akteure eingesetzt werden kann.


Stand: Juli 2012


 
 
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